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Sunday, April 1st 2012, 4:17pm

"Rl" - ein U-Bahnhof erzählt...

Guten Tag!

Wenn sie gestatten, stelle ich mich mal kurz vor. Mein Name ist Ruhleben, Vorname U-Bahnhof. Ich erblickte am 22. Dezember 1929
das Licht der Welt und bin damit also stolze 82 Jahre alt. Ich bin damit nur ein knappes Jahr jünger als mein Arbeitgeber, die BVG.
Eigentlich sollte ich ja "Spandauer Chaussee" heißen, wie die Charlottenburger Chaussee damals noch hieß. Aber das änderte man noch
vor meiner Geburt. Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen habe ich das Privileg als Hochbahnhof jeden Tag die Sonne sehen zu dürfen.
Mein Vater war übrigens der Architekt Alfred Grenander, der mich und viele meiner Kollegen entwarf. Heute ist es in meinem Umfeld
recht ruhig geworden. Früher aber steppte hier der Bär! Da besuchten mich täglich zehntausende Menschen, heute sind es nur noch
knappe 1500 Fahrgäste am Tag! Nur bei Veranstaltungen im Olympiastadion ist es hier kurzzeitig so voll wie früher im Berufsverkehr.
Über 50 Jahre war ich der einzige U-Bahnhof auf fast Spandauer Gebiet. Ich war der Umsteigebahnhof zur nach Spandau führenden
Straßenbahn Meine Errichtung war übrigens eine Bedingung für den Eintritt der stolzen Stadt Spandau in das Groß-Berlin-Gesetz im
Jahre 1920. Spandau verlor damit ja seine Selbständigkeit. Eigentlich sollte ich nur kurzzeitig Endbahnhof sein, aber ich rechne nicht
mehr mit einer Verlängerung der hier liegenden Gleise nach Spandau. "Dafür ist kein Geld da!", heißt es immer. In meinen jungen Jahre
musste ich viel mitmachen. 1940 errichtete man einen Luftschutzrum in meinem Bauch und obwohl ich von Kriegsschäden weitgehend
verschont blieb, war am 24. April 1945 auch bei mir der Zugverkehr eingestellt. Doch schon am 17. Mai 1945 - und damit als eine der der
ersten Strecken - fuhren bei mir schon wieder Züge. Zunächst nur im Pendelverkehr bis zum Kaiserdamm. Ab dort ging es dann mit einem
weiteren Zug bis zum Bahnhof Knie - heute Ernst-Reuter-Platz. Nach der Teilung meiner Heimatstadt lag ich dann im britischen Sektor
und damit in Berlin (West). Ab dem 1. Februar 1957 fuhr der A S1 vor meinem Eingang vor. Schicke Busse waren das - Typ D3U.
Der A S1 war ein Schnellbus (Zuschlagspflichtig!) und die Schilder waren recht edel in weißer Schrift auf rotem Grund. Am 13. August 1961
kam der nächste Einschnitt. Die DDR schloß die Grenze und errichtete um Berlin (West) eine Mauer. Dadurch staubten die Ziele
"Warschauer Brücke" und "Pankow" in meinen Zielkästen schnell ein und wurden bald rausgenommen. Am 24. Januar 1966 war ich stolz
und stand im Mittelpunkt des Interesses! Die moderne Umsteigeanlage zu den Bussen ging in den Betrieb. Damals musste man aber noch
die Straßenbahngleise überqueren, die direkt vor dem Eingang lagen. Dies fiel aber mit der Einstellung der Straßenbahnlinien 53 und 54
am 2. Mai 1967 weg. Dafür fuhren dann die Buslinien 54 und 56. 1968 war auch mit dem S1 Schluss. Dafür gab es dann den "Roten 54er",
Durchlaufwagen genannt und ebenfalls eine Art Schnellbus mit roten Schildern - aber zuschlagsfrei. Apropos Bus: meine bedeutung für
den Spandauer Busverkehr war so groß, dass in meinen Räumlichkeiten - genauer gesagt einer Kanzel auf der Südseite - die Leitstelle
für Spandau (Kanal Drei) einrichtete. Als 1980 die S-Bahn nach Spandau wegfiel, hatte ich bis 1984 fast ganz Spandau alleine anzubinden.
Dies änderte sich erst 1984, als die U-Bahnlnie 7 das Spandauer Rathaus erreichte. Seit 1986 ist mein Name im Musical "LINIE 1" zu sehen.
1989 fiel die Mauer und die veränderten Verkehrsströme sorgten dafür, dass sich immer weniger Umsteiger zu mir verirren.
Seit dem 13. November 1993 fährt übrigens die U2 statt der U1 bei mir ab. "Schlesisches" Tor schilderte nur noch die Nachtlinie U12.
Ab jetzt ging es wieder nach Pankow (genauer: Vinetastraße) und ab dem 14. Oktober 1995 schilderte die U12 sogar wieder
"Warschauer Straße". Da Spandau seit 1997 von der Regionalbahn und seit 1998 wieder mit der S-Bahn zu erreichen ist, ging das
Fahrgastaufkommen soweit zurück, dass man schon ernsthaft überlegte, mich vom Netz abzuhängen. 1500 Fahrgäste am Tag sind
nunmal kein gutes Argument für die Wirtschaftlichkeit eines U-Bahnhofs. Aber da ich ja von Mai 2010 bis 2011 eine "Frischzellenkur"
bzw. Komplettsanierung erhielt, dürfte mein Bestand für die nächsten 25 Jahre gesichert sein.

Schönen Dank fürs Zuhören!
Euer Rl
Gruß Staakener
Vertrauensperson a.D., Moderator im Ruhestand

"Ein guter Abgang ziert die Übung"
Friedrich Schiller

This post has been edited 2 times, last edit by "Staakener" (Apr 1st 2012, 4:39pm)


Date of registration: Feb 5th 2012

Location: Minden (Westf.)

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2

Sunday, April 1st 2012, 4:31pm

Schöne Geschichte.
Mit freundlichen Grüßen
Max

Date of registration: Dec 11th 2011

Location: Berlin-Spandau

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3

Sunday, April 1st 2012, 4:50pm

Einmal mehr wieder mal sehr interessant .

Wenn ich aus der großen Stadt kam und die U-Bahn hinter Neu-Westend ans Licht kam hatte ich immer das Gefühl zu Hause zu sein . Wenn ich auf der Rückseite des Bahnhofes auf meinen 35'er gewartet habe , habe ich immer die Ruhe genossen die dort herschte . Dieser Bahnhof ist für mich der angenehmere im Gegensatz zu den Riesending der U7 Rathaus Spandau . Schon alleine die Züge des Kleinprofils fand ich gemütlicher ! :)

Date of registration: Mar 13th 2012

Occupation: Omsizocker

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4

Sunday, April 1st 2012, 5:32pm

Schöne Geschichte.
Deine Geschichten sind du immer intrerssant.

5

Sunday, April 1st 2012, 5:46pm

Schönen Dank für die netten Antworten!
Gruß Staakener
Vertrauensperson a.D., Moderator im Ruhestand

"Ein guter Abgang ziert die Übung"
Friedrich Schiller

Date of registration: Dec 3rd 2011

Location: Niedersachsen

Occupation: LKW-Fahrer

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6

Sunday, April 1st 2012, 6:27pm

Und wieder einmal (mehr...!):

"Danke Staaki" :)

LG
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7

Sunday, April 1st 2012, 6:33pm

Thanks, Staaki.
Tolle Geschichte U-Bahnhof :D XD

Grüße :)
Liebe Grüße euer OVG-Freak Solaris Urbino... :)
Meine Internetseite: [url]http://solaris.urbino.hat-gar-keine-homepage.de/[/url]
"Ich bin so klug, ich bin so klug! K-L-U-K!"

Date of registration: Dec 2nd 2011

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8

Sunday, April 1st 2012, 6:36pm

Wieder mal eine Top-Geschichte :thumbup: . Vielleicht solltest du mal ein Buch veröffentlichen: Berliner Kurz- und Langgeschichten :D .
Keine Stadtbahn für Hamburg, aber modernstes Bussystem Europas + U4-Verlängerung zu den Elbbrücken?
Gute Verkehrspolitik ade!

9

Sunday, April 1st 2012, 6:38pm

Sowas kauft doch kein Mensch...^^
Gruß Staakener
Vertrauensperson a.D., Moderator im Ruhestand

"Ein guter Abgang ziert die Übung"
Friedrich Schiller

Date of registration: Dec 2nd 2011

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10

Sunday, April 1st 2012, 6:42pm

Ich würde sowas sofort kaufen, da es wirklich sehr interessant ist :) .
Keine Stadtbahn für Hamburg, aber modernstes Bussystem Europas + U4-Verlängerung zu den Elbbrücken?
Gute Verkehrspolitik ade!

truckersieger

Unregistered

11

Sunday, April 1st 2012, 6:45pm

Doch ich kauf das. :D

Schöne Geschichte die du da mit deinem Freund Herr Ruhleben erzählt hast. :thumbup: Aber so ein Buch wäre sicher gut, noch ein paar Geschichten eventuell aus dem Krieg... ich meine die Leute sterben aus also muss es mal festgehalten werden.

Date of registration: Dec 11th 2011

Location: Berlin-Spandau

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12

Sunday, April 1st 2012, 6:45pm

Ich könnte mir in meinem kleinen beschaulichen Bücherregal auch so ein Werk vorstellen , also ran an den PC und ab zum Verlag ! :)

Date of registration: Dec 3rd 2011

Location: Niedersachsen

Occupation: LKW-Fahrer

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13

Sunday, April 1st 2012, 7:00pm

Ich bestell´auch schonmal ein Exemplar von

"Staaki´s Sach- und Lachgeschichten rund um die BVG"

blind vorweg.

Immer nur Telefonbuch lesen ist auf die Dauer zu eintönig ;)

(Sorry für OT &) LG
Langbach, was sonst? Jetzt mit Bus-Zusatzpack zur Map Langbach 2.0!

Date of registration: Jan 4th 2012

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14

Sunday, April 1st 2012, 8:25pm

Sehr Interessant ,
ich hoffe , es gibt mehr deiner Geschichten in Zukunft^^

PS: Kaufen würd ich´s mir auch

15

Sunday, April 1st 2012, 8:28pm

Da seid ihr aber die Einzigen, die so einen Schinken kaufen würden...^^

Nee, überlassen wir das Schreiben lieber denen, die das können und beschränken wir uns hier lieber auf Fragen, Anmerkungen
und Ankedoten zum Bahnhof... :P
Gruß Staakener
Vertrauensperson a.D., Moderator im Ruhestand

"Ein guter Abgang ziert die Übung"
Friedrich Schiller

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Location: München

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16

Sunday, April 1st 2012, 8:32pm

Ich würde es mir auch kaufen
Wir würden uns freuen sie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen.
Ihre MVG
U-Bahn,Bus und Tram für München

Date of registration: Dec 11th 2011

Location: Berlin-Spandau

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17

Sunday, April 1st 2012, 9:25pm

Eine kleine Anekdote habe ich zum U-Ruhleben . Es geschah mitte der 80'er Jahre . Ich war noch in dem Alter wo man cool sein wollte / mußte . Damals hatte man ja noch während der Fahrt mit ein wenig Anstrengung die Schiebetüren des Zuges aufbekommen . Der Zug fuhr in den Bahnhof ein , ich riß die Tür auf und wollte aus den fahrenden Zug auf den Bahnsteig springen , das haben damals viele so gemacht . Es passierte was passieren muß , ich sprang , knallte auf den Bahnsteig und machte mehrere Rollen wie eine Art Stuntman . Ich Idiot hätte nicht entgegen der Fahrtrichtung springen dürfen und machte mich somit absolut zum Löffel ( man sollte immer in Fahrtrichtung springen ) . Trotzdem liebe Kinder - nicht nachmachen den :

1.) Es tut weh :(

2.) Es ist sehr peinlich :D

18

Monday, April 2nd 2012, 2:21pm

Tatort: Berlin Spandau, Hempelsteig (Endstelle U-Bahnhof Ruhleben)
Tatopfer: Mutter mit Kinderwagen
Tatwerkzeug: Eine Imbiss-Pappschale (wird benutzt für Bockwürste, Pommes etc.)
Tatverdächtiger: Ein uns bekannter Busfahrer ;)
Täter: Kaum zu glauben
Tathergang:
Irgendwann Anfang der 80erJahre steht mein Großvater mit dem 5er an der Endstelle am U-Bahnhof Ruhleben. Es ist warm draußen und
wie es so typisch war, stand er an der vorderen Tür und rauchte eine Zigarette. Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen vorbei und als
sie auf Höhe der ersten Türe ist, fliegt eine Pappschale (mit Mostrich [Senf] beschmiert) mit Schwung in ihren Kinderwagen. Was macht
Muddern natürlich? Richtig, sie schreit meinen Großvater an: "Haben sie nicht mehr alle Tassen im Schrank? Was soll denn der Mist?".
Mein Großvater, der den wahren Täter kannte, sagte nur ganz ruhig: "Na dann kiekense mal in den Mülleimer, dann wissense woher die
Pappe kam!". Muddern also todesmutig ran an den an einer Laterne befestigten Mülleimer und reingeschaut. Ziemlich erschrocken und
peinlich berührt dreht sie sich um und sagt: "Entschuldijense vielmals! Darauf wär ick nich jekommen", "Schon jut, aber nicht an jedem
Rejen sind de Bevaujeher schuld, wa?". Die junge Frau ging also mit hochrotem Kopf weiter und damit wären wir auch schon am Ende
der Anekdote... 8) Achja, der Täter war eine Krähe, die auf der Suche nach was essbarem in den Mülleimer geflogen ist und alles
"unbrauchbare" einfach im hohen Bogen aus dem Mülleimer schmiss... Sowas kam in Ruhleben häufiger mal vor!
Gruß Staakener
Vertrauensperson a.D., Moderator im Ruhestand

"Ein guter Abgang ziert die Übung"
Friedrich Schiller

This post has been edited 1 times, last edit by "Staakener" (Apr 2nd 2012, 2:31pm)


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Monday, April 2nd 2012, 2:23pm

Sehr schön!
Arbeiten an Freyfurt aktuell pausiert.